Geschichten – größer als das Leben

Geschichten – größer als das Leben

Mach deine Geschichten größer als das Leben. Larger than life. Dieser Rat findet sich in so manchem Schreibratgeber. Doch was ist eigentlich damit gemeint? Und was bedeutet es für mich als Autor? Hier meine ganz persönliche Meinung. 

Schreiben ist eine Kunst. Und Kunst ist Verdichtung. Überhöhung. Kunst ist Quintessenz. Gute Texte berühren uns. Tief.

Gute Texte sind vielschichtig, doppelbödig, vielfach wahr. Schillernd. Poliert und glänzend. Auf den Punkt gebracht. Ein guter Roman ist wie ein Labyrinth. So tief wie unsere Seele. So alt wie das Leben. Er ist größer als das Leben. Und wir kommen verändert aus ihm hervor.

Anders gesagt: Wir wollen uns in Geschichten wiederfinden. So gesehen sprechen die Bücher, die wir lesen, Bände über uns. Und noch viel mehr die Bücher, die wir schreiben. Sie sind ein Spiegel unserer selbst. Wenn auch vielleicht ein verzerrter.

Schreibend wachsen

Doch was bedeutet dies für einen Autoren auf persönlicher Ebene? Kann ich meine Geschichten überlebensgroß machen, ohne selbst zu wachsen? Kann ich die Grenzen des Denkbaren berühren, geschweige denn sprengen, wenn ich selbst in meiner kleinen, sicheren Comfort Zone verharre?

Ich habe sehr lange gebraucht, um überhaupt schreiben zu können. Um mich schreibend überhaupt denken zu können. Ich, die Autorin, war total blockiert – in meinem ganz persönlichen, sehr realen Leben. Zwischen Morgenwecker und Abendbrot. Also setzten sich auch meine Figuren nicht in Gang. Ich weigerte mich zu leben. Und meine Figuren taten es mir nach. Sie waren nachgerade an mich dran geklebt.

Blockierte Autoren, blockierte Figuren

Es ist viel darüber geschrieben worden, welch heilendes Potenzial das Schreiben hat. Und nicht umsonst haben zahllose Autoren ihre Lebensthemen schriftlich verarbeitet. Ob ein Stephen King, ein Günter Grass, ein Stefan Zweig oder ein Hemingway – sie sind alle, ausnahmslos, in ihren Texten zu finden. Ihre Träume, ihre Wunden, ihr Entwurf vom Leben. Mal mehr, mal weniger offensichtlich.

“You know how writers are… they create themselves as they create their work. Or perhaps they create their work in order to create themselves.”
― Orson Scott Card

Die Kunst der Unterscheidung

Dennoch ist es nicht so, als ob ich als Autorin mit meinen Figuren identisch wäre – es sei denn, ich schreibe eine Biografie. Gerade darin liegt ja der Reiz der Fiktion. Und der besondere Kitzel, die Spannung, die den Schaffensprozess befeuert, liegt genau in diesem Zwischenraum zwischen mir und meinen Figuren.

Wir Schreibenden tun folglich gut daran, sehr bewusst zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden. Wo höre ich auf, und wo fängt meine Figur an? Und wieviel Ähnlichkeiten tun meiner Geschichte gut? Wieviel Überhöhung, Vereinfachung, Verrückung oder Abstrahierung bedarf es, um aus meinem Inneren ein äußeres Kunstwerk zu machen?

Größer als das Leben

Größer als das Leben

Es gibt meines Erachtens zwei Möglichkeiten, gute Geschichten zu erzählen. Ich meine: wirklich gute. Erstens: wir (er)leben sie und werden sehr real zum Helden. Das heißt, wir wachsen weiter und immer weiter über uns hinaus. Dann können wir sicher sein, die Zuhörer zu fesseln. Sie werden mit Faszination an unseren Lippen hängen.

Doch da Autoren oft eher der introvierten Sorte angehören (zum Thema Autoren-Scham gedenke ich einen separaten Artikel zu verfassen), müssen zweitens die fiktiven Helden herhalten. Irgendwo las ich einmal, ein Autor lebe nur zur Hälfte, in dieser Hälfte aber lebe er doppelt. Daran ist definitiv etwas Wahres.

Doch ist es möglich, nur fiktiv zu wachsen? Ein oft zu lesender Rat an Autoren besagt: mute deinen Figuren etwas zu. Bring sie an ihre Grenzen. So weit, so gut. Was aber, wenn ich als Autor keiner Fliege etwas zu leide tun kann? Wenn mein Aggressionspotenzial oder mein Selbstausdruck gehemmt ist? Traue ich mich, die Wahrheit zu sagen? Traue ich mich, überhaupt etwas zu sagen?

Schreiben kann ein reiner Akt des Selbstausdrucks sein. Aber seien wir ehrlich: die meisten Künstler sind vom tiefen Wunsch getrieben zu kommunizieren. Sie wollen sich mitteilen. Und sie wollen Antwort.

Also, welche Möglichkeiten habe ich? Entweder ich kompensiere und lebe auf dem Papier ungebremst all meine Schattenseiten aus, oder ich gestehe mir ein, dass alles, was ich inszeniere, immer etwas mit mir selbst zu tun hat – so gut ich es auch zu tarnen vermag. Kein Schauspieler kann meines Erachtens eine Rolle spielen, ohne diese Figur tief in sich selbst wiederzufinden.

In jeder Tarnung steckt Wahrheit

Das erinnert mich an eine Anekdote, die die Bestsellerautorin Diana Gabaldon einmal zum Besten gab. Eine Leserin hatte sich offenbar bei einer Begegnung über den unmenschlichen, abscheulich sadistischen Antagonisten Jack Randall in Gabaldons Outlander-Saga empört. Sie sagte, wie sehr sie diese Figur hasse und welch ein Ungeheuer er sei. Gabaldon bemerkte nur (sinngemäß), sie hätte dezent an ihrem Tee genippt und gedacht: „Du hast keine Ahnung, dass du ihm gerade gegenüber sitzt.“

Jack Randall ist Diana Gabaldon. Nicht nur, aber auch.

Veräußerte Schattenseiten

Bücher sind wie Theaterbühnen unserer Innenleben. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang das Konzept des „inneren Teams“. Im Prinzip basiert es auf der Idee, dass jeder von uns verschiedene Persönlichkeitsanteile in sich trägt, die man durchaus als eigene „Personen“ begreifen kann. So haben wir vielleicht die „Mutter“ und den „Vater“ in uns, den Lehrer, den Kritiker, den Vermittler usw. Und eben auch den Bösewicht.

Schreiben ist meines Erachtens stets ein – manchmal unbewusster – Versuch, diese inneren Anteile auszudrücken und in Beziehung zu setzen. Etwas Ähnliches erleben wir im Traum. Eine Methode aus der Gestalttherapie, mit Träumen zu arbeiten, basiert auf dem Verständnis, dass alles im Traum (sogar die Türklinke) einen Teil von uns selbst repräsentiert.

Gute Geschichten sind Zumutungen

Gute Geschichten sind Zumutungen – für den Autoren und für den Leser. Sie sind größer als das Leben. Mutiger, stärker, schwächer, höher, tiefer, weißer, schwärzer. Sie verlangen uns Wachstum und Grenzerfahrungen ab. Sie sind extrem. Nach meiner Erfahrung kann ich meinem Leser jedoch nur dann Wachstum abverlangen, wenn ich selbst bereit bin, voranzugehen und den Weg zu bahnen. In diesem Punkt ähnelt ein Autor einem Heiler.

Sehen wir uns Romane wie die Hunger Games, Outlander, den Hobbit oder Harry Potter an. Ich glaube nicht, dass alles davon frei von Qual und mit Freude geschrieben wurde. Ein gutes Buch ist wie ein Geburtsprozess. Es kommt nicht ohne Wehen zur Welt.

Das gleiche kann einem übrigens auch mit einem Sachbuch passieren. Wie qualvoll es sein kann, sich ein Thema wirklich zu eigen zu machen, erlebe ich gerade am eigenen Leib. Aber Kunst ist Durcharbeitung. Kunst ist verdautes, komprimiertes und bewusst gemachtes Wissen. Das will erst einmal errungen sein.

Im Kontakt mit dem eigenen Kern

Meines Erachtens profitieren Bücher davon, wenn Autoren in Kontakt mit ihrem eigenen Kern gelangen. Ob sie dies durch das Schreiben oder anderweitig erreichen, spielt eine zweitrangige Rolle. Für mich war der Schlüssel zum Schreiben, meine Selbstwahrnehmung durch viele Stunden Selbsterfahrung zu schärfen. Mich selbst wieder zu spüren. Und dies gelang mir nur, indem ich bereit war, über mich selbst hinauszuwachsen. Ganz real. In diesem Leben. In meinem Hier und Jetzt.

Für manche ist es sicher umgekehrt: sie lassen ihre Helden wachsen und folgen ihnen schreibend auf dem Fuße. Oder es geschieht gleichzeitig, während des Schreibens. All diese Wege halte ich für angemessen. Aber meines Erachtens müssen immer alle die Entwicklung durchmachen: der Held, der Autor und der Leser.

Gute Bücher bahnen Wege. Zuerst für den Autoren. Und dann für den Leser. Je bedingungsloser der Autor den Weg selbst geht und sich auf seine Geschichte einlässt, desto tiefer wird es der Leser spüren.

Schreiben erfordert Mut und braucht vielleicht deshalb so oft die Einsamkeit. Und es wirkt, nach innen und außen. Aus guten Geschichten gehen wir immer verändert hervor.

Darin liegt – neben dem reinen Vergnügen – der ganze Zweck der Übung.

By | 2017-01-26T22:38:32+00:00 26.01.2017|

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